Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der November-/Dezember-Ausgabe der vegan.at.
Alle Fotos stammen von der zauberhaften Kollegin Anja Menzel. 

 

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten: Je größer die Auswahl in allen Lebensbereichen, desto kleiner ist oft die Fähigkeit, sich festlegen zu können. Faszinierend sind deswegen all jene, die mutige Entscheidungen treffen und diese konsequent verfolgen. Über ein veganes Paradies inmitten toskanischer Tradition.

Der Trend dieses Jahres heißt laut The New York Times JOMO. Dabei geht es darum, keine Angst mehr haben zu müssen, etwas zu verpassen. Im Gegenteil: The Joy Of Missing Out feiert geradezu die Fähigkeit, dazu zu stehen, eben NICHT immer und überall dabei sein zu müssen. Das klingt nicht nur wunderbar entspannend, sondern es trifft auch exakt den Nerv vieler Menschen. Franziska und Benjamin Posch haben einen JOMO-Ort in der Toskana geschaffen. Gemeinsam haben sie ein geerbtes Haus zu einem magischen Ort gemacht, der Menschen glücklich macht, weil er sich auf das besinnt, was viele so kaum mehr in unserem Alltag leben: pure Einfachheit. Es ist ein Ort, der es innerhalb von kürzester Zeit hinbekommt, jeden, der sich für einige Tage aus dem Dschungel von tausendundeiner Möglichkeit zurückzieht, von einer Last befreit. Denn wer dort ankommt, merkt schnell: Hier gibt es kein Internet, kein Telefon und keinen Fernseher.

Digital Detox in der Toskana

Wohl jeder, der über die unebene Schotterstraße inmitten sanft geformter Hügel, geblendet von der Sonne und der Schönheit einer schlichten Allee hinauf auf den Hügel zur Agrivilla I Pini hochzuckelt, hat sich ganz bewusst für eine kleine Auszeit entschieden. Das Geniale daran ist, dass man für diese Detox-Tage gar nicht viel ändern muss. Man muss nicht ins Kloster, muss nicht meditieren, und das Beste: man muss noch nicht mal verzichten. Im Gegenteil! Auf dem riesigen Gelände, mit seiner Weitläufigkeit auf 14 ha zwar abgelegen, dennoch nur unweit vom UNESCO Weltkulturerbes San Gimignano entfernt, schöpft man aus der prall gefüllten Schatzkiste der Natur.

Abschalten und auftanken

Für das österreichische Betreiberpaar stemmt hier ein kleines, feines, leidenschaftlich engagiertes internationales Team ein ganz neues Level des Agriturismo: biologisch vegane Landwirtschaft mit veganem Naturwein, kalt gepresstem Olivenöl, heimischem Streuobst und Gemüse. Ohne chemische Einflüsse werden heute im I Pini biologische Qualitätsweine gekeltert, bei deren Erzeugung auf tierische Produkte verzichtet wird. Franziska Posch und ihr Mann bauten vor fünfzehn Jahren erstmalig das alte Haus als klassisches Agriturismo um, doch in ihnen entstand immer mehr das Bedürfnis, die Villa erneut umzugestalten: und zwar 100% biologisch. „Wir wollten dem historischen Gebäude seine Persönlichkeit zurückgeben“, gibt das Ehepaar Posch zu. Der Entschluss, nur natürliche Materialien zu verwenden, wurde in der traditionell geprägten Region allerdings zu einer überbordenden Herausforderung. Die gewünschten nachhaltigen Materialien gab es schlichtweg nicht.

Hört einfach auf euer Herz

Dieser Ansatz, das Motto des Bauleiters, ging auf: Experimentierfreudige Handwerker fanden sich. Das Ergebnis im Mai 2018: Alle elf durch beeindruckende Schlichtheit betörenden Zimmer mit ihren atmenden Hanf-Kalkwänden haben Charakter. Sorgfältig restaurierte Antikmöbel stehen auf Böden aus regional handgefertigten Terrakottafliesen. Jedes Zimmer hat ein Lehmbad mit tierversuchsfreier Bio-Seife. Plastik? Fehlanzeige. Von den Leinenstoffen bis hin zu den Designerlampen ist alles in der Toskana produziert. Solarzellen speisen das Wassersystem, nachhaltige Quellen die Stromzufuhr.

Mit der Natur verbunden

Hinter allem steht die Idee einer tollen Mixtur aus Progressivität und dem Umgang, Dinge zu hinterfragen. Auch beim Essen. Wie kann man die traditionellen Gerichte der Toskana neu aufladen? Veganer werden natürlich neugierig gefragt, was sie denn dort zu essen gedenken. Kulinarisches ist zwar weltweit bekannt, doch folgt es einem traditionellen Schema: vom Tier oder mit Tier. I Pini-Koch Mauro nennt seine Arbeit die Küche des Friedens. „Do it with love“, lacht er. So gibt es immer Veganes, immer Regionales, jedoch herrlich aufgemischt: Einiges fügt er bewusst hinzu, Anderes lässt er bewusst weg. From farm to table ist der ausschlaggebende Punkt. „Different“ nennt er selbst seine kreative Küche: Mit der Mission, dass Veganes niemals einschränkend ist, sondern immer etwas dazu addiert. Deswegen findet man den Profi ganze drei Mal am Tag eine Stunde lang im Garten und kann ihn beobachten, wie er sich von Pflanzen, Kräutern oder Gerüchen inspirieren lässt. Für ihn ist es ungeheuer spannend, Nicht-Veganer mit seinen Kreationen zu überzeugen. Tatsächlich schafft er dies mit seinen Kreationen sehr oft, sicher nicht zuletzt mit seinem legendären Vegamisu.

Ablenkung nein danke
Ganz wundervoll ist auch, nebenbei gesagt, die in jedem Moment des Aufenthaltes spürbare Gabe des gesamten Teams, niemanden bekehren zu wollen, sondern einfach nur ehrlich und authentisch zu sein. Diese unaufgeregte Art macht es, dass man bei jedem Ausflug in die Umgebung, eigentlich nur schnell wieder zurück will. Weg vom veganen Eis, das zwar ausgezeichnet, aber von viel zu viel Trubel umgeben ist. Weg vom Sightseeing, so schön die mittelalterliche Stadt von San Gimignano auch ist, zurück in diese liebevolle Umarmung der Natur. Die Skyline vom Manhattan des Mittelalters lässt sich schließlich auch ganz wunderbar vom Naturpool-Liegestuhl aus betrachten.

Website: ipinitoscana.com