FÄRÖSTAINABILITY

Eine Reportage fürs Mondberge Magazin.
Fotocredit aller Fotos in diesem Artikel: Anja Menzel.

Eigentlich fing es mit ein paar zauberhaften Fotos an: Schafe und Hütehunde mit kreativen Blumenkränzen auf dem Haupt. Eine Frau mit zwei Enten, die sich bei ihr auf dem Arm einkuscheln. Ein Video von dem kleinen Kind im Schneeanzug, dessen Ärmchen sich voller Zuneigung um den Hals eines Widders schlingen, während es auf ihm sitzt wie Gleichaltrige sonst nur auf Schaukelpferden. Und noch faszinierender lasen sich die Geschichten, die die Fotografin, die junge Farmerin, die sich selbst porträtiert hatte, dazu mitlieferte. „Manchmal fühlt es sich an, als würde ich gegen einen unsichtbaren Strom ankämpfen,“ schreibt sie über die Herausforderungen bei ihrem Engagement für nachhaltige Landwirtschaft.„Aber ich weiß, dass wir einen anderen Weg gehen müssen – für unsere Zukunft.“ Da waren zwei Sachen klar. Erstens: Das wird spannend. Und zweitens: Wir fahren da jetzt mal hin.

Eine landschaft wie keine andere

Die Inselgruppe vulkanischen Ursprungs mitten im Nordatlantik ist schon etwas sehr Besonderes. Das Meer ist von keinem Ort der Inseln weiter als fünf Kilometer entfernt. Dramatische Landschaften treffen auf den wilden Ozean und überwältigen Auge, Ohren und Seele mit einer Vielfalt an Naturschauspielen. Regen, der waagerecht prasselt? Hier erlebt man es. Nebelschwaden wunderschön finden? Hier tut man es. Die Färöer sind wie ein Kaleidoskop aus Farben und Formen: üppige grüne Täler, schneebedeckte Gipfel und die rauen Küstenlinien, die von schier unzähligen Wasserfällen gesäumt werden. 

DIe Launen der Elemente

An einem dieser kühlen Morgen, wenn der Nebel episch schön über die Hügel zieht, hat man das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Denn hier hat definitiv die Natur das Sagen, und man ahnt, dass das Leben der Einwohner ein ständiges Spiel mit den Launen der Elemente ist. Für die Färingerinnen und Färinger ist die Natur nicht nur eine Kulisse, sondern der Puls ihres täglichen Lebens. Manchmal auch ein herausfordernder Gegner. Und das schon immer. 

tradition, die verbindet

Das kleine Land mit den 18 winzigen Inseln hat nur etwa 55.500 Einwohner. Dennoch sind sie ein Land mit eigener Kultur und Sprache. Und sie sind sehr stolz auf ihre Kultur und ihre Nation. In der Gemeinschaft der Menschen hier, in der Traditionen tief verankert sind, sind Landwirtschaft und Fischerei nicht lediglich Wirtschaftssektoren. Eher sind sie das Rückgrat ihrer Identität. Die Schafzucht ist eine dieser Traditionen, die über Generationen hinweg weitergegeben wurde. Und hier kommt wieder die junge Farmerin mit den tollen Fotos ins Spiel: Wir treffen Harriet Olafsdóttir in ihrem selbstumgebauten Bauernhaus in Elduvík auf der Insel Eysturoy, einem der ältesten Häuser des Ortes und überzeugen uns selbst von dieser außergewöhnlich engen Beziehung zu ihren Tieren. 

Farmerin auf umwegen

Die 35-jährige Mutter zweier Kinder im Alter von neun und vier Jahren stammt in fünfter Generation aus einer Bauersfamilie, lernte Hotelfachfrau und arbeitete zunächst in einem völlig anderen Umfeld, in der öffentlichen Verwaltung. Fünf lange Jahre, obwohl sie diesen Job hasste, wie sie heute noch zugibt. In ihrem Mann John, mit dem sie seit 12 Jahren verheiratet ist, traf sie den perfekten Partner. Beide wollten ihr Leben sinnvoller gestalten. Bei einem Work&Travel-Aufenthalt in Kanada arbeiteten sie einen Monat lang auf einer Farm, anschließend in Minnesota, dort komplett ohne Strom. Und wussten seitdem, dass sie unabhängiger leben und arbeiten wollten. 

Ins Universum ruft man nichts umsonst 

Schon kurze Zeit später war die Gelegenheit da. Der älteste Bruder übernahm die elterliche Farm. Harriet hat vier Brüder, allerdings mag keiner von ihnen Schafe. Und so kam es, dass es, als ihr Vater den Entschluss kundtat, die Schafe nicht mehr haben zu wollen, in ihr klick machte und sie verkündete: „Ich mach das jetzt. Und zwar fulltime.“ ­Punkt. Plötzlich Schafzüchterin. Das war immer ihr Traum gewesen. „Du zerstörst dein Leben”, war die Antwort des Vaters. Schafzucht ist hier normalerweise ein Hobby, allein davon könne man keinen Lebensunterhalt bestreiten. Die Färinger betreiben Community Farming. Das bedeutet gemeinsame Entscheidungen, aber auch ein Festhalten an Traditionen und althergebrachten Werten. Vor allem bei einem Durchschnittsalter von 60 Jahren. Und es heißt auch, dass ihr seitdem 19 Männer diesen Alters entgegenstehen, die sich von einer jungen Frau mit neuen Ideen nichts sagen lassen wollen. Und so heißt es hier nun 19 zu eins. 

19 gegen Harriet

Von Anfang an sah sie jedoch, dass Wandel notwendig ist und die alten Wege nicht mehr ausreichen, um die Herausforderungen von heute zu meistern. Sich nur einfügen und so zu handeln wie jene, die das bäuerliche Leben hier seit Jahrzehnten prägen, entspricht nicht ihrem Denken. Sie mahnt dazu, über den Tellerrand zu schauen: „Wir finden die Zukunft in der Vergangenheit. Wir haben die Verbindung zur Natur verloren.“ Es geht ihr darum, alte Methoden mit neuen Werkzeugen anzuwenden, Permakulturkonzepte zu probieren, mit regenerativen Methoden die Biodiversität zu erhöhen und die Gesundheit der Ökosysteme zu fördern. Für die Umstellung auf ökologischen Landbau nimmt sie in Kauf, zunächst wirtschaftliche Verluste zu machen. Mit dem Wissen, dass es sieben bis 20 Jahre dauert, um Böden wiederherzustellen, verbannt sie Kunstdünger und nutzt biologische Düngemittel, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. Die Umstellung auf grüne Energie: ein Meilenstein. 

Langfristig gedacht 

Auch ein konstanter Einsatz für Tierwohl begleitet ihren Alltag: „Tiere haben keine Stimme für ihre Belange. Deshalb helfe ich.“ So setzt sich beispielsweise mit aller Kraft für die Erhaltung der gefährdeten Rasse des Färöer Pferdes ein – nur noch 82 Exemplare gibt es weltweit. Acht leben auf den Färöern, vier davon gehören den Olafsdóttirs. Via Instagram helfen ihr Menschen, eine US-Amerikanerin kaufte eins der Pferde und finanziert somit das Vorhaben der Reproduktion mit. 

Wissen, was man ist – und isst

Gleichzeitig fördern John und Harriet die lokale Wirtschaft durch den Verkauf hochwertiger, nachhaltig produzierter Lebensmitteln. Diese aus Dänemark zu importieren, obgleich diese auch auf den Inseln gedeihen, empfindet sie als falsch. Also bauen die beiden selber Kartoffeln und Rhabarber an. „Wir wissen jetzt, was wir essen. Wir arbeiten mit der Erhaltung der Natur.“ Geplant ist ein Gewächshaus, um mittel- und langfristig 100 % autark zu werden. Salat, eigene Blumen. 

„Ich trete über zu viele Linien. Die Leute mögen keine Veränderungen.“ Und dennoch ist ihr Ziel, dass die Gesetze sich ändern – damit sich Dinge ändern. Bis dahin bestärkt sie, dass sie auf ihrem Weg von vielen Menschen gesehen wird, die an sie glauben. Ihre kreative Arbeit ist Mittel zum Zweck des Austauschs darüber, weltweit in den sozialen Medien. Für Harriet bedeutet dieser starke Rückhalt dieser Community ein Zeichen, dass ihr Kämpfen sich lohnt. 

Eine starke Haltung

Ein weiteres Paradebeispiel für das Vorantreiben von innovativen Ansätzen ist das Modelabel Gudrun & Gudrun. Gudrun Rógvadóttir war früher Partner in einer Unternehmensberatung und ist studierte Politikwissenschaftlerin. Mit Mitte 30 schmiss sie hin und startete nochmal neu durch, zusammen mit der Designerin Gudrin Ludvig. Heute sind beide Mitte Fünfzig und stolz, damals diesen Schritt gewagt zu haben. Dabei waren die Zeiten ungünstig, denn damals galt Stricken noch als uncool. 

Färöische Wolle wurde verbrannt 

Auch war das Bewusstsein für die großartige Wolle der färingischen Schafe damals noch nicht vorhanden. Schafsfelle wurden jahrzehntelang weggeworfen, die Wolle verbrannt. Es gab keinen Markt dafür. Dabei ist die Wolle dieser Schafe genauso besonders wie die Inseln selbst. Evolutionär haben sie nämlich zwei Schichten Wolle entwickelt. Dank ihres natürlichen Lanolingehalts, einem wachsähnlichen Öl, das von der Schafshaut abgesondert und von der Wolle aufgenommen wird, reguliert sie die Körpertemperatur. 

Statement gegen Wegwerfgesellschaft

Die Idee von Gudrun & Gudrun war, eine Reaktion auf den Massenkonsum zu platzieren und mit färöischer Wolle ein Statement gegen Fast Fashion zu setzen. Mit Produkten, die nicht nur umweltbewusst, sondern auch modern sind. Ihre traditionellen färöischen handgestrickten Pullover mit neu designtem Muster sollten als Slow Clothing der Wegwerfgesellschaft etwas entgegensetzen. Es geht um Integrität, um Anstand und vor allem um Nachhaltigkeit – von alldem brauchte und braucht die Modewelt mehr, fanden sie. „Niedrige Preise in der Modeindustrie bedeuten, dass jemand anderes den Preis zahlt: das misshandelte Tier oder die unterbezahlten Arbeiter.“ 

Eingestrickte Emotionen

Am Anfang strickten nur Rógvadóttirs Mutter, Schwiegermutter und eine Freundin. Japanische Kunden gehörten von Anfang an zu ihren größten Fans, sie lieben das Handwerk. Ihren Beobachtungen nach ist es für viele Japaner schwer zu ertragen, wie sie ihre Traditionen verlieren. Sie sehnen sich nach den Gefühlen, die in einen Pullover reingestrickt sind. „Sie nennen es Meditation. Und sie kaufen sich den Traum von der Zeit, die sie nicht haben.“, lächelt Rógvadóttir.

Ihre Projekte stärken Frauen

Nach dem riesigen Erfolg ihres ersten Pullovers mussten sie die Produktion steigern. Sie brauchten mehr Hände. Und starteten seitdem ihre Frauenförderungsprojekte in Jordanien und Peru. Das ist ihr Beitrag dazu, menschliche Würde in die Modebranche zurückzubringen: Frauen stärken, ihr eigenes Geld zu verdienen, Mikrounternehmen aufzubauen und mit mehr Unabhängigkeit ihre Träume verwirklichen zu können. 

Heute arbeiten 30 Strickerinnen auf den Färöern und die Frauen der Projekte in Jordanien und in Peru mit jeweils 20 Strickerinnen für das Modelabel. Wenn man Ludvig und Rógvadóttir zuhört, macht sich Gänsehaut breit: „Diese Frauen stricken buchstäblich Zeit in jedes Stück, das sie herstellen. Für uns dreht sich alles um Zeit. Beim Stricken lassen diese Frauen ihren Gedanken freien Lauf und ihre Gefühle werden in jedem Stück ausgedrückt, das sie herstellen – an einem positivem Tag kann die Masche etwas lockerer sein als die nach einem harten Tag.“ 

Eine Zukunft im Einklang mit der Natur

Initiativen wie die von Harriet Olafsdóttir oder Gudrun & Gudrun zeigen, dass positive Veränderung möglich ist, ohne die Wurzeln zu verlieren. Diese Haltung spiegelt sich auch in anderen Bereichen wider. So haben die Färinger es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Energiequellen zu diversifizieren und setzen verstärkt auf erneuerbare Energien wie Wind- und Wasserkraft. Oder die Initiative „Closed for Maintenance, Open for Voluntourism“, die nachhaltigen Tourismus stärkt: Jährlich werden bestimmte Gebiete für Besucher geschlossen, um wichtige Instandhaltungsarbeiten durchzuführen und gleichzeitig werden Freiwillige eingeladen, bei der Pflege der Natur zu helfen. Die einfachen Ideen sind oft die allerwertvollsten. Und das Großartige daran: Jeder kann einen Teil dazu beitragen, auch wenn es nur kleine Teile sind. In der Küche der Autorin erinnern täglich zwei Fotos von Schafen mit Blumenkränzen auf dem Kopf daran.