Der Feind in meinem Boot

Für die eine ist es Spaß, für die andere eine Mutprobe. Fotografin Anja Menzel liebt das Meer und findet nichts gemütlicher, als die Nacht in einer Segelbootkoje zu verbringen. Autorin Sabine Neddermeyer fährt wahnsinnig gern schnelle Autos, wird aber seekrank, wenn sich unter ihr Wasser bewegt. Segeln? Können beide nicht. Gemeinsam zogen sie los, um in Kroatien eine Woche lang Segelurlaub zu machen. Rekonstruktion eines Abenteuers. 

Diese Frage. Sie ist immer gleich. Sie stellt sie mir jedes Jahr im Januar: Und? Wohin fahren wir dieses Jahr? Meine Antwort ist schon vorher klar. Denn sie lautet ebenfalls immer gleich: Irgendwohin, wo wir noch nie waren. Das ist das einzig verpflichtende Element. Seit wir uns vor Jahren in Kuba kennenlernten, reisen wir miteinander, um die Welt kennenzulernen und Dinge auszuprobieren. Da wir kein Paar sind, brauchen unsere Touren keine Romantik. Allein die Neugier eint uns. 

Ein perfektes Reiseteam – nur diesmal nicht

Dieses Jahr kommt sie mir also mit Segeln. Ein absoluter Traum, klar! Doch ohne einen Segelschein? Kein Problem mit einem Miet-Skipper. Kroatien ist ein Paradies für Segler und eines der beliebtesten, weil leichtesten Segelreviere im Mittelmeer. Mit 60 größeren Marinas, 1.244 Inseln und nahezu 1.000 Ankerplätzen ein herrliches Wasserreich, wenn man sich so wie wir für ein oder zwei Wochen eine Yacht mieten will. Die Segelsaison dauert von März bis November, im Frühjahr und Herbst weht in der Adria der Scirocco, im Sommer oft ein lauer Seewind. Okay, klingt machbar. Wir chartern ein Boot für zwei plus einen Skipper. Eventuell sollte ich gleich zugeben, dass ich noch jemanden mitnehmen müsste, den ich ihr bisher verschwiegen habe: den großen Feind Seekrankheit. Mache ich besser nicht. Denn wie gesagt bin ich von Berufs wegen neugierig. Schwächeln gilt da nicht. Doch wie wird so eine Woche Segeltörn für eine, die Segeln liebt, aber es nicht kann und für eine, die definitiv seekrank wird, aber zu neugierig ist, um zuhause zu bleiben? Und dann auch noch mit einem fremden Menschen auf einem nur 12 Meter langen Boot?   

Sabine In meinem Rucksack habe ich alle möglichen Hilfsmittel gegen Seekrankheit verstaut – Ingwertabletten in der Familien-Jahres-Vorratspackung, zwei Akkupressur-Armbänder und zwei in Reserve, Ohropax, um das Gleichgewichtsorgan zu beeinflussen, Antihistaminika-Kaugummi gegen Übelkeit, magenberuhigende und den Brechreiz im Gehirn unterdrückende Parasympatholytika-Pflaster für hinters Ohr, eine Brille, in die mittels eingefärbter Flüssigkeiten ein künstlicher Horizont eingearbeitet ist, um dem Auge Lage­informationen zu verschaffen. Im Grunde ist der Gedanke, einen ganzen Urlaub auf dem Boot zu verbringen, für mich die fernliegendste Form der Entspannung. Das wird ein echt toller Urlaub. #Nicht. 

Leinen los? Gern, wenn ich wüsste, wie!

In Trogir an der Marina Agana geht’s los. Unser nicht fachmännisch geschulter Blick sagt uns: Unsere gecharterte Yacht scheint nicht zu groß und nicht zu klein. Genauso wie der ebenfalls gecharterte Skipper für diese Woche, Marko. Bis auf den Fakt, dass ich eher einen sonnengegerbten Seebären mit Bart erwartet hatten und uns dieser junge Typ beiden wirklich extrem jung und unerfahren vorkommt, sieht er okay aus. Gut, zugegeben: Bin enttäuscht. Hätte gerne einen Seebären. Umtauschen ist aber keine Option, die Kollegin  scheint meine Gefühle keineswegs zu teilen. Stattdessen sollen wir im Supermarkt Proviant für die Woche einkaufen: für uns und den Fremden. Kaffee, Brot, Milch, Wurst, Käse. Mag er Mortadella? Wir nicht. Welchen Joghurt? Klopapier lieber drei- oder vierlagig?

Unser Skipper, das Chamäleon 

Marko muss ein Chamäleon sein: „Ich esse alles.“ Wenn die Gäste sich vegan ernähren wollen, macht er mit. Wenn sie irgendwas anderes wollen, dann eben das. Wird man als Mann der Meere so bedürfnislos? Er berichtet, dass er seit drei Jahren von Mai bis September jede Woche mit neuen Gästen unterwegs ist. Wahrscheinlich werden da gewisse Dinge unwichtiger. Geduldig erklärt er uns das Schiff. Ich bin so aufgeregt, dass ich alles gleich wieder vergesse: Welcher Knopf von den vieren in der Toilette war jetzt wofür? Die Decke meiner Kabine kommt mir furchterregend tief vor. Egal, ich habe ohnehin vor, hauptsächlich in der Mitte des Schiffs zu bleiben, wo einem nicht so schnell schlecht werden kann. Solcherlei lebenserhaltende Informationen habe ich ebenfalls zuhauf im Gepäck, eingesammelt bei Segelprofis. Marko wirft den Motor an. 

Die Nacht in der Blauen Lagune

Jetzt wird’s ernst. Ich halte mich wacker. Wir segeln zur Blue Lagoon Krknjaši von der Insel Drvenik Veli und legen an. 18:44, leichter Kodder beim Aussteigen. Ich schwanke. Egal, nicht dran denken. Leckerst gegrillte frische Calamari, ein Restaurantbesitzer mit fantastischem Humor und eine wundervoll improvisierende Sängerin lenken mich ab und lassen uns sofort in Land und Leute schockverlieben. Später, in der ersten Nacht in der Koje, genieße ich selig den Ausblick auf den klaren Sternenhimmmel aus der Dachluke. Doch nach Stunden wach sein stelle ich fest, dass die anderen Segler neben uns Party machen. Dem bezeichnenden „All Night Long“ von AC/DC folgen nach und nach alle Rockklassiker. Als die Nachbarn Stunden später damit durch sind, höre ich jedes kleine Knacken und Knarzen des Schiffes: Mal schrengeln die Leinen, mal klappert es vorne links, mal hinten rechts, immer gluggert und plätschert es, in diversesten Rhythmen. AC/DC hatte verdammt recht. An Schlaf ist bei mir jedenfalls nicht zu denken bei dieser üblen Wackelei.

Anja Mich vom Rhythmus des Schiffes in den Schlaf wiegen lassen und am Morgen mit einem Kaffeebecher in der Hand in die Morgensonne zu blinzeln. Bin gespannt, welche Route wir segeln. Es gibt so viele fantastische Orte und Ankerbuchten in Kroatien. Wie gut, das wir einen Skipper haben, der sich bestens auskennt. 

Die Entdeckung aller Facetten Kroatiens

Wir erfahren in einer Woche im wahrsten Sinne des Wortes die vielfältigen Möglichkeiten Kroatiens: Seien es wunderhübschen alte, klitzekleine Dörfer ohne Touristen wie Drvenik Veli, seien es zauberhafte Locations wie die Insel Šolta, neun nautische Meilen von Split entfernt, mit ihren wundervoll einsamen Buchten – das alles hätten wir sonst nie entdeckt. Unsere morgendlichen Rituale, bevor wir auf See zum nächsten Ort weiterziehen, werden uns heilig: Diese morgendlichen Spaziergänge, die Einheimischen auf der Bank beobachten. Hier sind die sonnengegerbten Alten, die aussehen, als trügen sie alle Weisheit der Welt in sich; ein älterer Fischer, der einem die Fänge des Morgens zeigt und erklärt, welche Köder er für den Nachmittag vorbereitet. Einfach priceless, das authentische Leben der Anderen auf diese Art und Weise mitbekommen zu dürfen. Mal kochen wir abends auf dem Schiff, mal lassen wir uns treiben und kehren nach einem Bummel durch die Straßen irgendwo ein. Immer wieder lernen wir spannende Menschen kennen. Auch mit den Restaurantbesitzern schnell ins Gespräch zu kommen, wie mit dem liebenswerten Pärchen Inge und Bośko in Starigrad auf Hvar, zählt zu den Dingen, die unvergesslich bleiben. Unvergesslich: Hoffentlich ist genau das übrigens auch der Fall bei unseren täglichen Knoten-lern-Lektionen … 

Auf die Plätze, fertig, Sturm! 

Und dann gibt es diese Momente, da ist plötzlich Windwechsel ist angesagt. Dicke Wolken. Wir ziehen los. Sturm! 5,8 Knoten. 10,5 Knoten, die Segel raus, als der Motor aus ist: Gänsehaut. Du hörst nur noch Wellen, die das Dhingy, unser Beiboot, wirft. Wie faszinierend ist dieses Gefühl des Übergangs, wenn die Natur den Motor ablöst. Es macht Spaß. Die Natur zeigt uns jetzt mal, was noch so geht: 20 Knoten! Es wird wild! Wir liegen auf der Backe – so heißt es in Segelsprech, wenn dein Boot in Schräglage durch die tosenden Wellen prescht. Die Gischt spritzt uns ins Gesicht, der Himmel grollt von oben, das Wasser von unten. Man merkt, wie unwichtig und klein man selber als Menschlein hier auf dem Meer ist. Und irgendwie völlig machtlos – wenn man nämlich keinen blassen Schimmer davon hat, wie man helfen oder sich verhalten sollte. Festhalten oder unter Deck gehen, ruft Marko uns zu. Er selbst ist schwerstens in Action, um alles unter Kontrolle zu halten. Erst sorge ich mich lange, dass das Boot sicherlich jede Sekunde umkippt, kann ja gar nicht gut gehen. Doch irgendwann sorge ich mich nur noch um mich. Seekrankheit my ass. Mir ist und bleibt hundeelend, die Toilette wird mein best Buddy in den nächsten Stunden. Ich will mich ausruhen, aber durch den heftigen Seegang rollt das Segelboot. Meint: Wir sind nicht auf einem großen Kreuzfahrtschiff, wo zwischen seitlich liegenden Schlingertanks Ballastwasser hin- und hergepumpt wird, um die Bewegung um die Längsachse zu dämpfen. Hier heißt es schlicht und einfach: Augen zu und durch. Unser souveräner Skipper steigt durch diese Aktion in meinem Ansehen vom Status maßlos unterschätzt zu allergrößtem Respekt vor seinen Skills auf. 

Anja Nach dem wilden Ritt durch die Wellen sind wir froh, in die ruhige Bucht von Palmizana einzulaufen. Marko holt die Segel ein. Langsam tuckern wir mit dem Motor in Richtung Steg. Nur wenige Boote dümpeln in der wunderschönen Marina. Sabine und ich befestigen die Fender und halten die Leinen zum Anlegen bereit. Wir sind schon ein richtig gutes Team. Ich springe an Land und versuche mich am Paalsteek, einem der wichtigsten Knoten beim Segeln. Es verknoten sich mehr meine Hände als das Seil und Marko grinst. Zeit für eine weitere Knotenstunde.

Sabine Die Übelkeit ist vergessen, wir sind irgendwie alle zusammengewachsen. Wie Familie. Wir planen die Tour für heute, legen ab, der Horizont liegt vor uns. „I like it when it’s quiet“ verrät Marko auf hoher See. Und: Ich fühl’s. Ich weiß genau, was er meint. Wenn wir draußen sind und segeln, macht sich ein Gefühl der Freiheit breit. Meist nahezu ungewaschen, nur die Zähne sind geputzt, doch mehr muss auch gar nicht. Bedürfnislos glücklich koche ich meiner Crew auf dem Gasherd einen Kaffee. Was für ein herrliches Gefühl. Lasst uns weiterziehen, Zigeuner des adriatischen Meeres, und diese unvergessliche und absolut empfehlenswerte Erfahrung nie enden lassen. Und mein größter Feind, die vermaledeite Seekrankheit? Kann mich mal. Ich werd‘ wieder losfahren.